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Dokumentationen von Veranstaltungen
Was bringt Europa ihren Bürgerinnen?
Dokumentation der frauenpolitischen Studienreise
nach Brüssel, 20.-24. Juni 2005
Reisetagebuch
Wenige Wochen, nachdem Frankreich und die Niederlande die Verfassung abgelehnt
haben, reisen 22 Frauen aus Deutschland, Polen, der Tschechischen und der Slowakischen
Republik zusammen nach Brüssel, um sich dort zu den Chancen, Mechanismen
und Ansatzpunkten zur Einmischung für ein geschlechtergerechtes Europa zu
informieren.
20. Juni 2005 - Erster Tag Brüssel:
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22 Frauen aus Polen, Tschechien, Slowakei, Kroatien und Deutschland trafen sich
mittags in dem individuell gestalteten Hotel Noga am Beginenhof im Viertel Ste.
Catherine. Schon bei der ersten Fahrt zum Seminarraum der Heinrich-Böll-Stiftung
im Europaviertel und bei der Vorstellung zeigte sich: Unsere unterschiedlichen
beruflichen Erfahrungen, unser Interesse an Europa, Frauenpolitik und Menschenrechten,
unsere Diskussionsfreude und unser gegenseitiges Verständnis werden uns spannende
Tage bescheren! Und uns dabei helfen, das Geheimnis lüften: Wie schaffen
wir Einheit bei Vielfalt? |
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Eine erste Einführung zu Europa und ihren Institutionen zeigte uns: Eigentlich
könnte es ganz einfach sein…
Dr. Daniela Weingärtner, Brüssel-Korrespondentin der taz, berichtete
dann von der aktuellen Politik, angefangen vom gerade beendeten Europäischen
Rat, wo - wie meist - die brüssel-bekannten Spiele gespielt wurden: „Schwarzer
Peter oder „the blame game“ . Zuhause erzählen die Regierungschefs nur von
dem, was „der Rat“ beschlossen hat, aber nicht von dem Kuhhandel, der meist erfolgreich
geschlossen wird - und schuld sind immer die anderen.
Politischer Kuhhandel wird aber nicht nur im Rat getrieben - auch die Besetzungen
von Parlamentsausschüssen erfolgt mit Tauschgeschäften, nicht notwendigerweise
nach Fachkenntnissen . In der Diskussion mit Daniela Weingärtner bestätigten
oder widerlegten sich unsere Vorurteile. Beispielsweise geht der „Brontosaurus
Brüssel“ vor allem auf überfordertes Personal zurück, weniger auf
die schiere Größe ( mit 40.000 Beschäftigten hat die EU nicht
mal doppelt so viel wie die Kölner Stadtverwaltung)
Der lange, heiße Tag geht mit einem gemeinsamen netten Abend in marokkanischer
Atmosphäre zu Ende.
Autorinnen 1.Tag: Katja Farkasowa, Katja Jaques, Ute Mies-Weber,
Barbara Unger. |
21. Juni 2005 - Zweiter Tag:
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Der frühe Morgen in der Stiftung war geprägt von einem Austausch über
die Prozesse in Europa aus der Perspektive der Frauen aus den unterschiedlichen
Ländern. Jede Frau - ob aus Deutschland oder Osteuropa - hat die Ablehnung
des EU-Verfassungsentwurfes vor ihrem kulturellen Hintergrund anders als andere
erlebt.
Gerade in Polen, Kroatien oder Tschechien besteht die Befürchtung, dass durch
die Uneinigkeit der Finanzministerkonferenz die gerade aufkeimenden Frauen-Projekte
im Räderwerk der Umverteilung und Prioritätensetzung untergehen. Wie
schwierig Lobbyarbeit auf EU-Ebene gerade in Zeiten der Erweiterung ist, schilderte
Meagen Baldwin von „Women in Development Europe“ (WIDE). Da der Fokus immer noch
hauptsächlich auf Wirtschaftspolitik gelegt wird, gehen die Fragen der Gleichberechtigung
und andere soziale Herausforderungen unter. Gender Equality wird von einigen Ländern
nicht als Startpunkt gesehen, sondern als Endpunkt. Die Zivilgesellschaft der
Frauen hat deshalb die Sorge, immer weniger von der EU unterstützt zu werden.
Um gegenzusteuern empfiehlt sich immer der Bezug zu grösseren internationalen
Vereinbarung wie CEDAW oder Peking +10.
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Perspektivwechsel nach dem Mittagessen:
Prof. Dr. Helmut Maurer von der GD Beschäftigung und Soziales, Referat Gleichstellung
von Frauen und Männern schilderte den steinigen Weg der Umsetzung von EU–Richtlinien
in nationales Recht der Mitgliedstaaten. Dabei ist der Kommission durchaus bewusst,
dass allein die Gesetzgebung die Gleichstellung der Frauen gerade in den Beitrittsländern
nicht gewährleistet. In den Mitlgliedsstaaten herrscht nämlich vielfach
die Meinung, dass die wirtschaftliche Besserstellung automatisch auch die Situation
von Frauen verbessern würde. Nach unserer Einschätzung ist leider genau
das Gegenteil der Fall, wie Beispiele aus Kroatien und Lettland zeigen. Die fehlende
Überprüfung der Umsetzung ist allerdings ein nachhaltiges Problem und
auch jetzt mögliche Sanktionen motivieren die Länder nicht, der EU wirklich
zu folgen.
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Danach wurde es praktisch und plastisch. Bei dem alternativen Stadtrundgang wurde
schnell klar wie viel Politik mit Stadtplanung und kulturellem Leben zu tun hat.
Eigentlich ist Brüssel unregierbar. Die Interessen der Stadt, des Landes
Brüssel und der EU gehen natürlich selten zusammen. Unglaublich, das
überhaupt etwas funktioniert. Überall Baustellen, Sirenen der Diplomaten-Konvois
und 100 Kommissionsgebäude erschüttern das kleine Brüssel nicht
und uns jetzt auch nicht mehr!
 
Autorinnen 2. Tag: Jagoda Rosul-Gajic, Judith Hasselmann. |
22. Juni 2005 - Dritter Tag:
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Kommt sie oder kommt sie nicht............,
die
Vorsitzende des Frauenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments, Frau
Anna Zaborska aus der Slowakei?
Die Frau aus dem konservativen Block des EU Parlaments, die seit 2004 dem Frauenrechtsausschuss
vorsitzt und von uns mit Spannung erwartet wurde, kam mit 45minütiger Verspätung
und ihrem persönlichen Dolmetscher.
Der Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter
hat eine beratende Funktion und besteht insgesamt aus 59 Mitgliederinnen.
Frau Zaborska nahm Stellung zu ihren aktuellen Aufgaben: Projekte gegen jegliche
Diskriminierung von Frauen werden vom Ausschuss unterstützt wie z.B. Daphne
I und II.
Frau Zarborska ist der Meinung, dass allen Frauen, die arbeiten wollen, dies auch
von der Gesellschaft ermöglicht werden müsste. Dabei käme es, so
Frau Zaborska, nicht auf die Festlegung von Prozentsätzen, sondern auf die
Kreativität der Gesellschaft an, um das in der Lissabon-Strategie formulierte
Ziel einer 60 prozentigen Erwerbstätigkeit von Frauen zu erreichen.
Für unsere abschließende Frage nach ihren Äußerungen zur
Homosexualität, für die sie 2004, als sie für den Vorsitz kandidierte,
heftig kritisiert wurde, bedankte sich Frau Zaborska und erklärte, dass die
Slowakische Opposition ihr diese Äußerungen unterstellt hätte!
( vgl. dazu link http://www.www.catholicsforchoice.org/pdf/Zaborska.pdf
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Nach dieser Diskussion mit einer nicht unumstrittenen Politikerin, die nach der
Auffassung anderer Gesprächspartenerinnen den Frauenrechtsausschuss isoliert
und verwundbar gemacht hat, stand unsere Zwischenauswertung der bisherigen Gespräche
an. |
Nach
dem Mittagessen ging es weiter in die Lobby des Kommissionsgebäudes zu einem
Treffen mit der Europäischen Kommissarin für Regionalpolitik, der Polin
Danuta Hübner.
Sie informierte uns darüber, dass ein Drittel aller Investitionen der EU
in die Regionalpolitik fließen.
Es herrscht das Prinzip der Partnerschaft; dies ist allerdings noch nicht in allen
Mitgliedsstaaten bekannt. Hier bedarf es noch intensiverer Aufklärung der
Bürgerinnen der EU.
Im Hinblick auf den Genderaspekt sind noch Defizite aufzuarbeiten. Deshalb gibt
Frau Hübner den Hinweis, dass zum Sommer eine Internetseite eröffnet
wird. Sie fordert alle Bürgerinnen auf, sich an der Umsetzung des Gender-Mainstreaming
zu beteiligen. |
Ohne „Ruh und Rast“ eilten wir jetzt zurück zur Heinrich-Böll-Stiftung,
um Mary McPhail, die Generalsekretärin der European Women`s Lobby (EWL),
zu treffen.
Die
Europäische Frauenlobby wurde 1990 von 100 Frauen aus 12 Mitgliedsstaaten
gegründet und erweiterte sich im Laufe der Jahre auf 23 Staaten plus Bulgarien
und der Türkei. Die EWL vereint heute über 4000 Frauenorganisationen
und hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gleichstellung von Frauen und Männer
sicherzustellen. Gleichstellung und Menschenrechte von Frauen sollen in allen
Politikbereichen der EU berücksichtigt werden. Die EU fördert die Arbeit
der EWL mit 750 000 EUR im Jahr; weitere 20% müssen aus Mitgliedsbeiträgen
und unabhängigen Finanzquellen kommen.
Ihrer Einschätzung nach ist die Konjunktur für Frauenrechte und Genderbelange
auf einer längeren Talfahrt und würde erst in einigen Jahren wieder
besser. |
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Nach dieser sehr lebendigen Darstellung der Lobbyarbeit von EWL war es für
uns an der Zeit, der Einladung von Elisabeth Schroedter (MdEP) zum Abendessen
zu folgen.
Selbst beim Essen wurde angeregt weiter diskutiert und alle sind auf den morgigen
Tag mit Frau Schroedter im Europäischen Parlament sehr gespannt!
Autorinnen 3. Tag: Petra Flügel, Karin
Labinsky-Meyer.
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23. Juni 2005 - Vierter Tag:
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Frauen im „Caprice des Dieux“:
Am
vierten Tag haben wir es endlich in die teuerste "Käseschachtel" der EU geschafft.
Im europäischen Parlament, das im Volksmund aufgrund der Architektur auch
„Kapriolen der Götter“ genannt wird, trafen wir prompt auf den derzeitigen
Meister im kapriziösen Auftreten: Tony Blair musste sich frühmorgens
vor dem Parlament für sein Verhalten in der letzten Ratsversamlung am Freitag
rechtfertigen. Er tat das wie üblich im smarten und legeren Stil. Selbst
als Besucherinnen auf der Tribüne des Plenarsaals konnten wir die knisternde
Spannung spüren. |
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Bevor wir dem Plenarsaal einen Besuch abstatteten, konnten wir an die Grünen
Abgeordnete Elisabeth Schroedter Fragen richten. Wir hatten sie gestern Abend
beim Essen bereits „off-record“ erlebt. In lebendiger und engagierter Weise schilderte
sie uns ihren Arbeitsalltag und machte uns das politische Brüssel schmackhaft. |

In der berühmtesten Pommesbude der EU sind wir dem leckeren Laster des Genusses
zum Opfer gefallen.
Mit vollen Bäuchen hat es uns dann zur Generaldirektion Forschung, Referat
Frauen und Wissenschaft verschlagen.
Ein klimatisierter Raum, Getränke und eine professionelle Powerpoint-Präsentation
weckten unsere erschöpften Geister für die Forschung. Auch hier holte
uns die Diskussion um die Haushaltsdebatte ein. Frei nach dem Motto: „Ein kleiner
Entschluß für Tony Blair - große Folgen für die Generaldirektionen“.
Im Gegensatz zu den vorherigen Meinungen begrüßt Herr Klumpers die
Entscheidung von Premierminister Blair sehr. Aus Sicht der Forschung ist die Erhöhung
ihres Etats zu Lasten der Landwirtschaft eine durchaus willkommene Entscheidung,
trotz der Folge einer Blockade: Solange keine Einigung besteht können 40%
des Budgets nicht freigegeben werden! Herr Klumpers ermutigte uns wiederholt Forschungsanträge
zu stellen und insbesondere Themen zu Gender Budgeting seien höchst willkommen.
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