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Dokumentationen von Veranstaltungen "Zukunft Europas: Perspektiven
einer genderbewussten Ökonomie in der erweiterten Europäischen Union"
Dokumentation des Fachgesprächs vom 16.12.03 in
Berlin
Redebeiträge A -Z Prof. Dr. Friederike Maier (Harriet Taylor Mill-Institut, FHW Berlin) Europäische Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik und die Geschlechterfrage Die EU spielt mit der Verankerung von Gender Mainstreaming eine Vorreiterrolle für die meisten europäischen Länder. Faktisch ist die Umsetzung von Gender Mainstreaming durch das Prinzip der Weichen Koordinierung' durch die Kommission jedoch den Mitgliedsstaaten überlassen, d.h. kein Land muss'. Deshalb ist die Bilanz nicht ermutigend. Zudem fand in vielen Mitgliedsländern noch keine Diskussion darüber statt, was Gender Mainstreaming eigentlich ist und was es bedeutet. Das Beispiel der Nationalen Aktionspläne für Beschäftigung zeigt, dass die wenigsten Länder das Prinzip Gender Mainstreaming tatsächlich in ihre politischen Konzeptionen umgesetzt haben. Es fehlen hierzu sowohl Daten/Statistiken als auch der inhaltliche Bezug. Auch bei der deutschen Agenda 2010 sind die (negativen) Geschlechteraspekte absehbar - sie werden jedoch nicht erwähnt. Die Weiche Koordination' lässt also Spielraum für die Verfolgung nationaler Pfade und Politiken - sie macht aber die Einhaltung vereinbarter Ziele und Instrumente schwierig. Auch im Politikfeld der sozialen Integration bleibt das Prinzip Gender Mainstreaming wenig ausformuliert. Dieser Bereich begrenzt sich stark auf die Verfolgung anderer Ziele wie z.B. der Reduktion von Kinderarmut via Beschäftigungsförderung alleinerziehender Frauen. Dabei wird die Erreichung dieses Ziels aber von den Arbeitsmarktbedingungen entkoppelt. Einzig Schweden hat es konzeptionell verstanden, Gender Mainstreaming systematisch einzubauen. Im Bereich der europäischen Wirtschaftspolitik (Broad
Economic Guidelines) ist die Integration von Gender Mainstreaming nicht zu erkennen
- wenn überhaupt, tauchen Geschlechteraspekte nur im Zusammenhang mit dem
Arbeitsmarkt (Frauen als mobilisierbare Arbeitsmarktreserve angesichts der demografischen
Entwicklung) auf. Andere Aspekte wie z.B. Geschlechteraspekte der öffentlichen
Steuer- und Haushaltspolitik, der Handelspolitik, der Geldpolitik etc. werden
noch nicht einmal im Ansatz thematisiert. Ganz in der Tradition der VWL-Makroökonomik
sind Geschlechterverhältnisse weitgehend irrelevant und wenig erforscht.
Gehandelt wird nach der Maxime: "Eine gute Wirtschaftspolitik ist für
alle gut." Welche Auswirkungen der EU-Beitritt hinsichtlich Gender Mainstreaming auf die neuen Länder haben wird, ist schwer abzuschätzen, aber die Geschlechterverhältnisse sind zur Zeit vermutlich nicht im Zentrum der Überlegungen der Regierungen und anderer Akteure. Überall in den Beitrittsländern ist die Frauenerwerbstätigkeit zurückgegangen, sind die rechtlichen Regelungen gelockert und "dereguliert" worden, zeigen sich neue soziale Spannungen und Differenzierungen. Hinter dem Rücken der Beteiligten wird sich kein neues positives Geschlechterverhältnis einstellen. Ortrun Gauper Auswirkungen der europäischen Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik auf Frauen Die Wirkung von makroökonomischen Prozessen unter genderspezifischen
Gesichtspunkten wurde bislang kaum untersucht. Dennoch muss festgestellt werden,
dass sich seit der Einführung von Gender Mainstreaming Mitte der 90er Jahre
das Geschlechterverhältnis in den EU-Mitgliedstaaten nicht verbessert hat.
Das rührt vor allem daher, dass die europäische Wirtschaftspolitik wachstums-
und beschäftigungsfeindlich ist, was zu einer Verschärfung der Probleme
von Frauen auf den europäischen Arbeitsmärkten führte. Die Fixierung
der Geldpolitik auf Preisstabilität gemeinsam mit den restriktiven Budgetpolitiken
der Mitgliedstaaten verhinderten Impulse zur Schaffung von Arbeitsplätzen.
Obgleich sich die EU die Bekämpfung von Armut auf ihre
Fahnen geschrieben hat, folgen den Worten keine Taten. Auf EU-Ebene wird ein Problem
deutlich, das auf nationalstaatlicher Ebene genauso existiert: Die politische
Macht besitzt das Finanzministerium respektive die Finanzkommission und nicht
das Sozialministerium respektive die Kommission für Beschäftigung und
Soziales. Dr. Sibyll Klotz (Fraktionsvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus) Gender Mainstreaming in der bundesdeutschen Politik Gender Mainstreaming hat bisher - zumindest öffentlich
- keinen Zugang in die politischen Mainstream-Debatten gefunden. Begrenzung der
Neuverschuldung und Schuldenabbau vs. Stärkung der Binnennachfrage - das
sind Debatten, die komplett ohne den Geschlechterblick geführt werden. Gleiches
gilt für das Thema Subventionsabbau, ob Steinkohle, Eigenheimzulage oder
Entfernungspauschale - auch hier nicht die Spur einer Debatte in Hinblick auf
die Geschlechterfrage. Besser sieht es bei der öffentlichen Diskussion um
die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme aus.
Isabel Rothe (Managerin bei Schering AG, Berlin) Das Konzept von Gender Mainstreaming ist nicht einfach zu verstehen. Zudem entsteht der Eindruck, dass der Begriff unten' nicht angekommen ist. Tatsache ist, dass in vielen Wirtschaftsunternehmen keine Debatte darüber existiert. Diskussionen werden nur über Kategorien wie Chancengleichheit und Diversity geführt. Meine erste Reaktion auf das heutige Thema war aus diesem Grund auch Gender ist out', wobei angemerkt werden muss, dass die Welt nicht speziell frauenfeindlicher geworden ist. Viele Wirtschaftsunternehmen kämpfen in der derzeitigen
wirtschaftlichen Lage mit fundamentalen Problemen und es finden Umstrukturierungen
statt. So werden Fragen gestellt wie: Können wir unsere Belegschaften halten?
Können wir unsere Standorte halten? Aufgrund dieser wirtschaftlichen Herausforderungen
gibt es z.Z. keinen Raum für kleinere' Themen. Das bedeutet nicht, dass Frauen in der Wirtschaft keine Fortschritte machen. Natürlich gibt es noch keine Chancengleichheit, dennoch geht es Schritt für Schritt voran. Frauen in liberalen Unternehmen haben es im Übrigen leichter. Trotzdem müssen wir einen Abbau managen, und Personalreduzierung kann auch wirtschaftlich sein. Wenn also Frauen in ein Unternehmen nicht zurückkommen, kann das erwünscht sein. An Diversity haben Arbeitgeber nur dann ein Interesse, wenn sie Arbeitskräfte binden wollen, daher ist auch Diversity im Moment wenig relevant. Aus diesem Grund muss die Frage gestellt werden, was in diesem Kontext machbar ist. Vielleicht ist eine Wahrung von bisher Erreichtem, also die Wahrung des Besitzstandes, auch ein Ziel. Die Situation ist natürlich nicht schwarz-weiß, sondern es gibt auch Zwischentöne. Das Konzept des Gender Mainstreaming ist nicht schädlich und wir sollten uns über Inhalte und Strategien verständigen. Aber ein großer konzeptioneller Entwurf liegt im Moment im betrieblichen Umkreis weit hinten auf der Agenda - dafür fehlen die Kapazitäten. In diesen Zeiten kann man nur in konkreten kleinen Schritten etwas unternehmen. Christian Raschke (Organisationsberatung "Vielfalt
gestalten") Meine These ist, dass Gender Mainstreaming nur dann erfolgreich sein kann, wenn es bei der Bewältigung konkreter Führungsaufgaben hilft, wenn die Firmen dadurch ihr Profil positiv schärfen können und wenn sie sich von diesem Ansatz Gewinn versprechen. Gender Mainstreaming ist eine Managementstrategie unter anderen - etwa in Parallele zum Umweltmanagement oder Qualitätsmanagement. Gender Mainstreaming muss punktuell durchgeführt werden und wird deshalb systematisch runtergebrochen. Allerdings nur wenn die Verantwortlichen einen zusätzlichen Nutzen erkennen, hat Gender Mainstreaming mehr als einen legitimatorischen Effekt. Und wie bei allen neuen Managementstrategien lässt sich der Nutzen erst im Nachhinein beweisen. Bei jeder guten Managementstrategie setzt bei ihrer Realisierung allerdings ein Aha-Effekt ein - etwa nach dem Motto: Das hätten wir doch schon lange so machen sollen - und auch können!' Folgendes Beispiel soll den Nutzen zeigen, den Gender Mainstreaming für Einrichtungen haben kann. Es verdeutlicht aber auch die Grenzen des Ansatzes: Ich führe u.a. Gender Mainstreaming Einzelcoachings
für die Führungskräfte in Ministerien durch: Ein Abteilungsleiter
sagte zu dem Angebot: "Der soll ruhig kommen und mir zeigen, wo der Nutzen
von Gender Mainstreaming für mich liegt..." Das ist mir natürlich
nicht gelungen. "Gut, ich muss es machen", lenkte er ein. "Dafür
habe ich mein Modellprojekt. Und wenn es mehr sein muss, machen wir halt noch
welche..." Ich erklärte ihm aus meinen Erfahrungen u.a. in Unternehmen,
dass Gender Mainstreaming nur dann über eine punktuelle Umsetzung hinaus
kommt, wenn es zur Bewältigung aktueller Unternehmensaufgaben beiträgt.
Er erwiderte: "Wissen Sie, was meine schwierigste Aufgabe ist? Ich muss Personal
abbauen. Kann mir Gender Mainstreaming dabei helfen?" Meine Rückfrage:
"Ja, wo könnte denn Gender Mainstreaming dabei helfen?" Er: "Vielleicht
bei der freiwilligen Arbeitszeitverkürzung. Frauen und Männer haben
da wohl sehr unterschiedliche Motive." ... und zwischendurch rief sein Sohn
auf seinem privaten Handy an ... die Idee eines Vater-Kind-Tages für das
Ministerium entstand... Der Minister: "Ich müsste eine Mitarbeiterbefragung
machen, wobei ich nach den ganz konkreten Bedingungen frage, unter denen Frauen
und Männer ihre Arbeitszeit verkürzen wollen - ohne Lohnausgleich natürlich."
Dr. Barbara Helfferich Erfolge und Widerstände von Gender Mainstreaming in der europäischen Politik Die Europäische Kommission spielt für die meisten europäischen Länder eine Vorreiterrolle in Sachen Gleichstellungspolitik und Gender Mainstreaming. Nachdem 1995 die Pekinger Frauenkonferenz stattgefunden hatte, begann auf europäischer Ebene ein Goldenes Zeitalter' der Gleichstellungspolitik. Sowohl innerhalb der Europäischen Kommission als auch im Europäischen Parlament nahm der Frauenanteil deutlich zu. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde die Rahmenstrategie zu Gender Mainstreaming implementiert. Ziel dieser Politik stellte die produktive Einbindung der Frauen dar; diese sollten nicht länger als Opfer gesehen werden. Was ist danach passiert? Im Jahr 2000 fand der Lissaboner Gipfel als wichtiger Schritt für die europäische Integrationspolitik statt. Ziel des Gipfels war die Integration der Wirtschafts-, Sozial- und Beschäftigungspolitik. Dabei wurde festgelegt, die Prozentzahl der Menschen in Arbeit bis 2010 auf 70 % der Männer und 60 % der Frauen zu erhöhen. Dem lag u.a. die Erkenntnis zugrunde, dass Frauen als qualifizierte Kräfte auf dem Arbeitsmarkt und als Beitragszahlerinnen für die Rentenversicherungen benötigt werden. Als Erfolg in Sachen Gender Mainstreaming ist zu nennen, dass in den Broad Economic Policy Guidelines' der Geschlechteraspekt erwähnt wird und dass in den Syntheseberichten der Mitgliedstaaten, die ab dem nächsten Frühjahrsgipfel 2004 jährlich vorgestellt werden, der Gender Pay Gap' berücksichtigt werden muss. Auch in der europäischen Beschäftigungsstrategie ist der Geschlechteraspekt integriert. Finanzielle Instrumente hierfür sind der Europäische Sozialfonds (ESF) und die EU-Gemeinschaftsinitiative EQUAL. Problematisch am Gender Mainstreaming-Ansatz ist, dass er als weiche' Strategie funktioniert und bisher außerhalb des Bereichs Beschäftigung und Soziales kaum angewendet wird. Aber selbst in diesem Bereich sind die Statistiken in Hinblick auf den Genderaspekt noch sehr unzureichend, um beispielsweise eine Feminisierung von Armut durch eine manglende Integration in den Arbeitsmarkt oder die Diskriminierung in der Rentenpolitik nachweisen zu können. Der Synthesebericht stellt eine weitere Schwierigkeit dar: Er soll ein kurzer, knapper Bericht sein. Dabei stellt sich die Frage, ob bei der Makro-Perspektive des Syntheseberichts der jeweiligen Länder Gender Mainstreaming womöglich untergehen wird. Frauen werden als eine Gruppe unter vielen gesehen und es ist schwer, Fragen, die Frauen betreffen, eigenständig in den Bericht einzubringen. Wir haben es nicht geschafft zu verdeutlichen, dass Frauen überall sind, so auch in den Bereichen Handel und Landwirtschaft. Große Hoffnungen setzen wir in die Antidiskriminierungspolitik. Artikel 13 des Amsterdamer Vertrages stellt ein Gesetz gegen Diskriminierung innerhalb und außerhalb des Arbeitsmarktes dar. Es werden verschiedene Gruppen genannt - darunter auch Frauen. Dieser Artikel muss nun operationalisiert werden. Hierzu bestehen bereits zwei Richtlinien über die Gleichbehandlung am Arbeitsmarkt und gegen Rassismus. Wir haben nun eine Richtlinie zum Verbot der Diskriminierung von Frauen außerhalb des Arbeitsmarktes entworfen, die aufgrund starker Widerstände der Mitgliedstaaten und einzelner Interessenverbände auf den gleichen Zugang zu Dienstleitungen wie Versicherungen und Banken beschränkt werden musste. Unsere Richtlinie ist eng angelegt, aber dadurch wird erstmals ein Paradigmenwechsel vom Arbeitsbereich in den Privatbereich stattfinden. Meiner Meinung nach ist Gender Budgeting die klarste Form
des Gender Mainstreaming. Dieser Ansatz wird u.a. schon in Südafrika und
Australien verwirklicht. Eines der wichtigsten Argumente für Gender Mainstreaming
sind die demografischen Herausforderungen, vor denen die westlichen Gesellschaften
stehen ("Frauen im Gebärstreik"), und die Folgen für die Nachhaltigkeit. Henriette Meseke (Compass Bremen GmbH): Umsetzungserfahrungen mit Gender Mainstreaming im Europäischen Sozialfonds (ESF) 1. These: Gender Mainstreaming ist konzeptionell nicht in die Programmplanung des ESF integriert worden.
2. These: Gender Mainstreaming wird qualitativ de facto auf einen Wirkungsbereich reduziert - dem der originären frauenspezifischen Förderung im Politikbereich E "Chancengleichheit von Frauen und Männern". Es gibt im ESF drei Kategorien, die zur Zielerreichung der
Geschlechtergerechtigkeit beitragen sollen: Ausgehend von der Analyse der Ausgangslage werden für ein Programm Ziele formuliert. Die innerhalb des ESF bzw. der Strukturfonds übliche Aufteilung in Form von Schwerpunkten (EPPD) bzw. Maßnahmebereiche (GFK) stellen auf Programmebene eine Strukturierung hinsichtlich der vorgesehenen Interventionsfelder dar. Der Schwerpunkt E "Chancengleichheit von Frauen und Männern" soll die Einhaltung der frauenspezifischen Förderung gewährleisten, um bestehende Diskriminierung mit gezielter Frauenförderung zu kompensieren. Innerhalb der anderen Schwerpunkte bzw. Maßnahmen gilt der integrale Ansatz zur Förderung der Chancengleichheit. Beides zusammen stellt die beiden Elemente der Doppelstrategie von Gender Mainstreaming dar. Der quantitative Aspekt der Chancengleichheit soll wiederum über die "angemessene Beteiligung von Frauen an allen Fördermaßnahmen" gewährleistet werden - in der Regel entspricht dies dem Anteil von Frauen an den Arbeitslosen bzw. Erwerbstätigen. Auf dieser programmatischen Ebene sind drei relevante Widersprüche zwischen der Gender Mainstreaming-Strategie und der ESF-Programmatik zu identifizieren:
3. These: Gender Mainstreaming braucht eine starke politische
Fachöffentlichkeit, die Kurskorrekturen in den steuerungsrelevanten Gremien
zum bisherigen "gender-neutralen" Mainstream entwickelt. Die Knackpunkte sind:
Meines Erachtens könnte eine offensive Fachöffentlichkeit die notwendigen politischen Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten auf den Prozess der Implementierung von Gender Mainstreaming ausüben. Die genannten Defizite und Fehlstellen innerhalb der bisherigen Ansätze zeigen, dass hinsichtlich des Transfers zwischen Gender Mainstreaming als Konzept und der Umsetzung in Verwaltungshandeln noch viel zu tun ist. Hierfür müssen die strategisch wichtigen Scharnierstellen erreicht werden - also die Ebenen der EntscheidungsträgerInnen bzw. die Steuerungsgremien. Das bedeutet auch, dass Gender-Expertise in diese Gremien einbezogen wird und dass sich diese Prozessbeteiligten inhaltlich mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Im Grunde genommen - und dies ist ein Bestandteil des Anspruches von Gender Mainstreaming - bedarf es eines Gender-Controlling in diesen Gremien. Silke Steinhilber (Beraterin für Genderfragen der ILO Budapest): Auswirkungen des EU-Beitritts auf die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Wirtschaft und Wirtschaftspolitik - Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Beitrittsländern Gender Mainstreaming hat im Verhandlungsprozess über den EU-Beitritt so gut wie nicht stattgefunden. In der Mehrzahl der Politikfelder (z.B. Finanzen, Handel, Landwirtschaft, Renten) tauchte Gender Mainstreaming als Anforderung für die Angleichung an EU-Recht gar nicht auf. Insbesondere im Arbeitsrecht brachte die Anpassung an EU-Recht jedoch deutliche Verbesserungen. Beispielsweise wurden klare Definitionen von (direkter und indirekter) Diskriminierung eingeführt. In einigen Ländern sind mittlerweile Antidiskriminierungsgesetze verabschiedet (z.B. Litauen, Ungarn). Jedoch ist sowohl deren Umsetzung wie auch die Implementierung der Nicht-Diskriminierungsprinzipien im allgemeinen Arbeitsrecht vielfach mangelhaft. Es gibt teilweise keine separate Arbeitsgerichtsbarkeit und wenig Praxiserfahrung mit Diskriminierungsfällen auf Seiten der RichterInnen und AnwältInnen. Auch existieren nur mangelnde Beratungsmöglichkeiten für Frauen, die Diskriminierung erfahren haben. NROs kritisieren die mangelnde Rechtskultur, und Gewerkschafterinnen weisen häufig auf die mangelnde Reichweite des Arbeitsrechts hin. Ein weiteres Problem ist, dass das Arbeitsrecht nicht greift bei der Verlagerung von Produktion und Dienstleistungen in den informellen Sektor. Allgemeinere Fragen, die die Implementierung von Gleichstellungsrichtlinien und Gender Mainstreaming betreffen und wie ihr Erfolg gemessen werden kann, werden bisher von allen Beteiligten - EU-Organe, "alte" und "neue" Mitgliedsländer - so gut wie gar nicht diskutiert. Im Hinblick darauf, dass die Hoffnung auf EU-Strukturmittel in den neuen Mitgliedsländern sehr groß ist (insbesondere bei Frauenorganisationen, für die national kein Geld zur Verfügung gestellt wird), wäre es wichtig, solche Fragen zu klären. Auch sollte die EU endlich Prinzipien des Gender Budgeting in ihren Finanzhilfen, insbesondere den Strukturfonds, anwenden. Auf der politischen Ebene gibt es die Vorgabe, die nationalen Beschäftigungspolitiken an die EU-Gesetzgebung anzupassen. In vielen Ländern kritisieren NROs, dass Regierungen nur auf externen Druck der EU hin überhaupt Fortschritte gemacht haben und die formale Anpassung an Regeln oft über die Diskussion von Inhalten gestellt wird. Insbesondere sind die Beteiligungsmöglichkeiten der Sozialpartner und NROs an Planungs- und Entscheidungsprozessen unzureichend, und Frauenstimmen werden unter solchen Bedingungen nur allzu häufig gar nicht gehört. Auch treffen die EU-Richtlinien häufig nicht die spezifische nationale Situation in mittel- und osteuropäischen Ländern: Die Anpassung an EU-Standards kann deshalb eine (weitere) Verschlechterung der Situation von Frauen bedeuten, z.B. was die Beschäftigungsquote von Frauen angeht. Gleichstellungspolitik wird in den Beitrittsländern unterschiedlich umgesetzt: Obwohl alle Länder die Pekinger Aktionsplattform mitverabschiedet haben, haben immer noch nicht alle die Gleichstellungspolitik entsprechend institutionell verankert. Die "National Machineries" sind institutionell, personell und finanziell in der Regel sehr schwach. Regierungswechsel haben in manchen Ländern auch dazu geführt, dass sich der Rahmen für Gleichstellungspolitik aufgrund politischer Interessen verschoben hat, z.B. in Polen im Laufe der 90er Jahre, wo eine konservative Familienpolitik Gleichberechtigungsideen verdrängte. Wichtig für die Umsetzung von Gender Mainstreaming
in den Beitrittsländern sind neben politischen EntscheidungsträgerInnen
zivilgesellschaftliche AkteurInnen sowie WissenschaftlerInnen. Zum Beispiel ist
bislang feministische Ökonomie an den Universitäten und Forschungsinstitutionen
in den neuen Mitgliedsländen fast gar nicht institutionell verankert. Dabei
wäre es gerade vor dem Erfahrungshintergrund der neuen EU-Mitglieder nötig,
dass Gender in aktuelle Wirtschaftsmodelle und wirtschaftspolitische Diskussionen
integriert wird. Gleichzeitig muss über das bestehende Wirtschaftssystem
auch hinaus gedacht werden. Doch fehlt es dafür bisher sowohl an ExpertInnen
als auch an Lehrmaterialien. Auch eine stärkere Vernetzung der unterschiedlichen
Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft wäre nötig,
damit die Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts produktiv umgesetzt werden können.
Weiterhin müssen internationaler Dialog und Erfahrungsaustausch auf der Grundlage
ernsthaften Interesses und Respekts für die anderen zwischen Ost und West
auf einer gleichberechtigten Ebene stattfinden. Renata Wójtiuk-Janusz (Wirtschaftsuniversität Warschau) Aufgaben für eine Gleichstellungspolitik in Polen Im Januar 2003 wurde in Polen eine Untersuchung durch das Institute of Public Affairs' durchgeführt, deren Ergebnisse Ende 2003 veröffentlicht wurden. Die Publikation trägt den Titel Die Glasdecke: Barrieren und Beschränkungen der Karrieren polnischer Frauen' (Boguslawa Budrowska, Danuta Duch, Anna Titkow). In dieser Studie wurde deutlich, dass polnische Frauen in einer Art Bewusstseinsspaltung leben, d.h. es gibt einen Widerspruch zwischen der Realität und der Wahrnehmung der Frauen, zwischen den gesellschaftlichen Fakten und ihren persönlichen Einstellungen. Zwar gab es innerhalb der polnischen Gesellschaft einige positive Entwicklungen, wie die seit einem Jahr im Vergleich zu den Männern niedrigere Arbeitslosigkeit unter Frauen infolge einer besseren Bildung der Frauen, einer in den letzten Jahren dreifachen Steigerung der Zahl der Existenzgründungen unter Frauen - einer höheren Steigerung als unter Männern - und einer höheren Zahl von Frauen in Politik und Verwaltung, doch stellt das fehlende Solidaritätsbewusstsein unter den meisten Frauen u.a. ein Hindernis für die Karrieren polnischer Frauen in der Politik dar, wo Netzwerke von entscheidender Bedeutung sind. Es ist nicht übertrieben, von einem mangelnden Frauenbewusstsein bezogen auf gemeinsame Fraueninteressen überhaupt zu sprechen. Besonders passiv bei der Gründung von Frauennetzwerken haben sich die Frauen mit Hochschulbildung gezeigt, die nicht bereit sind, trotz eigener hoher Positionen in Wirtschaft oder Politik, andere Frauen in ihrer Karriere zu unterstützen. Es ist hinzuzufügen, dass der Begriff Feminismus' in Polen immer noch negativ konnotiert ist. Um die bisherige Gesellschaftsordnung zu erhalten, werden weiterhin gesellschaftliche Stereotype aufrechterhalten und nicht durchbrochen. Eine sehr schwierig zu verändernde Haltung ist die allgemeine - sowohl unter Frauen als auch unter Männern - tief verwurzelte Abneigung gegen eine Bekleidung von höchsten Positionen in Politik und Wirtschaft durch Frauen. Diese diskriminierende Meinung hat ihre Grundlage nicht in formellen Vorschriften, sondern sie ergibt sich eher aus der Kultur und der Mentalität der Frauen und Männer. Um die Chancen der polnischen Frauen in Politik und Wirtschaft
grundsätzlich zu stärken, ist es notwendig, ein Frauenselbstbewusstsein
und ein Solidaritätsgefühl zwischen den Frauen zu vermitteln. Ob der
zukünftige Beitritt von Polen zur EU zu einer bedeutenden Verbesserung der
Lage der Frauen führen wird, lässt sich aufgrund der gesellschaftlichen
Situation der Frauen in den einzelnen Mitgliedstaaten eher skeptisch beurteilen.
Eine Verbesserung der Chancen der polnischen Frauen in Politik und Wirtschaft
könnte aber eine gezielte Bildungspolitik der EU und der einzelnen Mitgliedstaaten
bringen, wenn schon bei Kindern und Jugendlichen ein entsprechendes Frauenbild
gefördert wird. Eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins
ist möglich, was die positive Entwicklung in Polen bei Ökologiethemen
zeigt, wo gerade die Jugendlichen - anders als ihre Eltern - sehr aktiv sind.
Eine ähnliche Politik des polnischen Staates und der EU in Bezug auf die
Gestaltung des Frauenbewusstseins und die Gleichstellung von Frauen und Männern
ist dringend notwendig. Dr. Delal Atmaca (Aufsichtsrat WeiberWirtschaft) Visionen einer genderbewussten Ökonomie - am Beispiel der WeiberWirtschaft eG Im 19. Jahrhundert entwickelte sich unter dem Einfluss der
utopischen Sozialisten und unter dem Eindruck der Industrialisierung der utopische
Feminismus. Die Vertreterinnen dieses Feminismus vertraten u.a. die Idee der Kooperative.
Die einzelnen Hauswirtschaften sollten zusammen gefasst, der Wohn- und Arbeitsbereich
getrennt werden. Hauswirtschaft sollte ein gleichberechtigter Teil des wirtschaftlichen
Lebens sein. So waren u.a. Großküchen und Wäschereien geplant.
Die utopischen Feministinnen entwarfen Häuser, Stadtteile und ganze Städte
- vor allem in Mexiko und Kalifornien. All diese frühen Versuche waren jedoch
zum Scheitern verurteilt; sie scheiterten am Leitbild der bürgerlichen Familie.
Auch die WeiberWirtschaft gründet sich auf die Visionen und die Realität einer feministisch-genderbewussten Ökonomie. Die Visionen der "Gründungsweiber" waren eine Bündelung der feministischen Ressourcen und eine Konzentration des innovativ-kreativen Potentials. Wichtig waren auch Kooperation und Solidarität - ein Netzwerk von Frauen für Frauen. Vor Machtmissbrauch sollte eine demokratische Organisationsform schützen. Angedacht waren auch ein kollektives Hybrid'-Eigentum an Grund und Boden und ein feministischer Geldkreislauf. Durch die Gründung dieses Zentrums sollte eine Vorbildfunktion ausgeübt werden und der Anstoß für Neugründungen gegeben werden. Grundlegend für die Realisierung war ein ökologisches Bau- und Wirtschaftskonzept. 1987 nahm ein kleiner West-Berliner Verein seine Arbeit auf und begann, seine Visionen von einem Gründerinnenzentrum in Frauenhand in die Realität umzusetzen. Heute ist die WeiberWirtschaft mit über 1500 Genossenschafterinnen die größte Frauengenossenschaft Europas. Mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 18,4 Mio. Euro wurden bis 1996 mehr als 5500 m² Büro-, Dienstleistungs- und Produktionsflächen saniert. Das Zentrum WeiberWirtschaft bietet u.a. Know-how-Transfer, viele Angebote rund um Existenzgründung und Unternehmensführung sowie Kooperations- und gemeinsame Werbe- und Marketingmöglichkeiten mit den jetzt schon rund 60 ansässigen Unternehmen. Jede Mieterin ist als Genossenschafterin zugleich Miteigentümerin der Immobilie und kann auf der Generalversammlung über die Geschäftspolitik mitentscheiden. Die Infrastruktur des Gründerinnenzentrums umfasst diverse soziale Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, Kantine, Restaurant und einen Konferenzbereich. Die WeiberWirtschaft hat sich als tragfähiges Netzwerk mit demokratischen und solidarischen Strukturen herausgestellt. Sie ist ein Standort für Chefinnen. Erreicht wurde auch das Ziel der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit. Was wurde nicht erreicht? Die Vision eines feministischen
Geldkreislaufs war nicht zu realisieren. Die WeiberWirtschaft ist heute ein hybrides'
Eigentum zwischen Privat- und Staatseigentum: Das Genossenschaftseigentum ist
kollektives Privateigentum. Auch der Punkt der Solidarität ist nur begrenzt
umzusetzen, denn ökonomische Sachzwänge sind stark. Was den politischen
Einfluss der WeiberWirtschaft angeht, sind die Netzwerkpotentiale noch nicht voll
ausgeschöpft.
Weitere Informationen: FAM - Frauenakademie München e.V.
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