riskantes Denken und feministische Praxen

radikal widerstaendig Dokumentation der Tagung vom 30.-31.10.2015 in München

Ausgangspunkt der Tagung war die Frage, wie radikal und widerständig die Frauenbewegung oder besser: die Frauenbewegungen im Jahr 2015 noch oder wieder sind und welche Akteur_innen und gesellschaftlichen Bewegungen in heutigen feministischen Umfeldern zu finden sind. Das Tagungsteam hat anlässlich des 30. Geburtstages der FAM hierfür ein breites Themenspektrum ausgewählt:

  1. Feministische Ökonomie, Ökofeminismus und Queer Ecologies
  2. Netzfeminismus
  3. Internationale Frauensolidarität im Spannungsfeld von Rassismus und postkolonialem Feminismus
  4. Subversive Körper – Überwindung von Sexismus und Heteronormativität?

Tagungsflyer mit Tagungsprogramm.

 

Im Folgenden finden Sie unseren Rückblick auf die Tagung, ergänzt um die von den Vortragenden zur Verfügung gestellten Präsentationen.

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Dr. Andrea Rothe

Tagungeinfühung: Dr. Andrea Rothe, Vorsitzende der Frauenakademie

Für mehr selbstbestimmte Ressourcennutzung und eigenverantwortliche Lebensgestaltung

Dem ersten Panel lag die Beobachtung zugrunde, dass Frauen aus dem globalen Norden als vermeintlich gleichgestellte, emanzipierte und konkurrenzfähige Marktsubjekte in einem wachstums- und konsumbasierten Wirtschaftssystem an der Ausbeutung von Mensch und Natur sowie an der Zunahme von globaler Ungleichheit beteiligt sind. Naturkatastrophen, Ressourcenvernichtung, Landraub, Armut, Hunger, Unterdrückung, Kriege, Zerstörung und Flucht seien hier Themen, mit denen sich Frauen in ihrer Rolle als Mitproduzentinnen auseinandersetzen müssten, so Dr. Stephanie Handschuh-Heiß in ihrer Einführung. Die Referentinnen, Prof. Dr. Christine Bauhardt von der Humboldt-Universität zu Berlin und Andrea Baier von der anstiftung gGmbH, gaben hierzu Einblicke in feministische Ökonomiekritik und damit einen Anstoß für alternative Sicht- und Handlungsweisen, wie sie z. B. in Urban Gardening-Projekten sichtbar werden.

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Prof. Dr. Christine Bauhardt und
Dr. Stephanie Handschuh-Heiss

Ins Zentrum ihres Vortrags stellte Bauhardt den New Materialism, die Care-Krise sowie die Perspektive von Queer Ecologies. Im New Materialism wird die Gebundenheit der menschlichen Existenz an Umwelt und Natur thematisiert, ohne dabei erneut die problematische Analogie Frau-Natur festzuschreiben. Bauhardt postulierte, dass feministisches Denken und Handeln zu diesen aktuellen globalen Problemen grundsätzlich Stellung beziehen müssten, nachdem dies lange aus Angst vor Essentialismusvorwürfen vermieden wurde. Hier richtete sie ihren Blick auf das zentrale Konzept der feministischen Ökonomiekritik von Care, sozialer Reproduktion bzw. Reproduktionsarbeit – je nach theoretischer Ausrichtung. Laut Bauhardt gelingt es der feministischen Ökonomie, durch Care als Ausgangspunkt über Analysen von Arbeit und Arbeitsteilungen hinaus das gesamte ökonomische und kapitalistische Wirtschaftssystem infrage zu stellen. Hier warnte die Referentin allerdings davor, Konzepte von „nachhaltiger Ökonomie“ als alternative wirtschaftliche Ansätze zu verstehen. Auf andere Weise konzipiert das die feministische Alternative der Sustainable Livelihoods (nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen), die Wirtschaftswachstum infrage stellt oder auch gänzlich ablehnt. Ziele dieses Ansatzes sind die Erhöhung der Chancen von Menschen auf selbstbestimmte Ressourcennutzung und eine selbstbestimmte Lebensgestaltung. In diesem Zusammenhang müsse eine feministische Perspektive immer wieder die Frage nach Care einbringen, weil hier einerseits die verminderte Marktbeteiligung von Frauen sichtbar, andererseits aber vor allem die Forderung deutlich werde, „Versorgung von den Menschen aus zu denken“ und nicht „Versorgung vom Wirtschaftswachstum aus“. Mit Rückgriff auf die Auseinandersetzungen der Queer Ecologies forderte Bauhardt, neu über die Einbindung von Menschen in die Natur zu sprechen, ohne Mutterschaft dabei ideologisch zu überhöhen, die Frau als bessere Carerin zu betrachten oder in die Heteronormativität zurückzufallen.

Präsentation von Prof. Dr. Christine Bauhardt, Professorin für Gender und Globalisierung, HU Berlin

Urban Gardening als Begegnungsort und Teilhabechance

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Andrea Baier

Andrea Baier arbeitet seit vielen Jahren zu alternativen Formen von Bewirtschaftung, Eigenarbeit und Subsistenz; Urban Gardening ist eine Form solchen Umdenkens. Gerade in einem interkulturellen Zusammenhang sind diese Gärten für viele Frauen und Männer zum einen im Hinblick auf eigene Ernte und Ertrag wichtig, zum anderen aber auch als öffentliche Orte, die Teilhabechancen ermöglichen. Der Garten wird hier zum Frei- und Begegnungsraum, in dem immer auch Interessenkonflikte ausgehandelt werden müssen. Baier zeigte auf, dass die von Frauen mit Migrationshintergrund geleistete Versorgungsarbeit in Deutschland nicht viel zählt. Der Garten könne dafür einen Ausgleich schaffen, weil Fähigkeiten, Kompetenzen und auch Identitäten an Wert gewinnen, die sich mit der Einwanderung als nutzlos darstellten. Der Gemeinschaftsgarten sei ein Raum, an dem sich einige der Probleme relativieren, die im Zusammenhang mit Prekarität stehen, wie z. B. Exklusion, Isolation, schlechte Ernährungslage und Zeitüberschuss. Urban Gardening könne zudem als alternative Form des Wirtschaftens verstanden werden, da es eine Erhöhung der Chancen von Menschen auf selbstbestimmte Ressourcennutzung und Lebensgestaltung darstelle. Die Referentin zeigte darüber hinaus auf, wie in den Gärten Geschlecht als identitätsstiftender Kategorie eine weniger zentrale Bedeutung zukommt; Geschlechterstereotypen würden in der Interaktion der Gärtner_innen sowohl bestätigt als auch infrage gestellt werden. Hervorzuheben sei aber die Handlungsmacht über Ressourcen, die Frauen in den Gärten gewinnen.

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Marek Stuffler

Netzfeminismus ermöglicht Zusammenschlüsse und gibt Raum für neue Ideen

Marek Stuffler, queerfeministische_r aktivist_in, umriss im zweiten Panel Netzfeminismus als Netzpolitik aus feministischer Perspektive und als Feminismus, der das Internet als Medium nutzt. Mit Zahlen zur Nutzung des Internets machte Stuffler gleich zum Einstieg deutlich, dass von Postgender in den sozialen Medien nach wie vor nicht die Rede sein kann: 71 % aller Frauen nutzen das Internet, aber 82 % der Männer. Auch in der Anwendungsweise der sozialen Medien gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dabei schränken insbesondere die begründete Sorge vor Onlinebelästigung und die Androhung physischer Gewalt die Netzaktivitäten von Frauen ein: Feminist_innen, denen es gelingt, Aufmerksamkeit im Netz zu erlangen, seien besonders von Hassattacken betroffen. Stuffler stellte hierzu einige Beispiele vor, wie etwa den Fall einer Videospieleentwicklerin, die nicht ins Bild des männlichen Videospielers passte und daraufhin extrem angegriffen wurde. Attackierte Frauen haben daher diverse Gegenstrategien entwickelt, wie z. B. die Internetseite hater.org, wo Hasskommentare gesammelt werden; die Werbeeinnahmen fließen dabei feministischen Projekten zu. Im Fokus des Beitrags standen aber die Möglichkeiten von Blogs, Twitter & Co., akademisches und nicht-akademisches Wissen zu verbinden, wie viele Blogbeispiele zeigten. Netzfeminismus macht für Stuffler daher einen besonderen Charme aus, da er grundsätzlich „von unten“ komme, Raum gebe für die radikalsten Ideen und mit sehr vielen Menschen weltweit geteilt werden könne.

Präsentation von Marek Stuffler, BA Medieninformatik LMU München, queerfeministische_r aktivist_in

Antirassistischer Feminismus schafft neue Möglichkeiten der Frauensolidarität

Den Aufschlag des dritten Panels machte Denise Bergold-Caldwell von der Universität Marburg. Sie führte in den Schwarzen und postkolonialen Feminismus ein. „Schwarz“ meint dabei eine politische Kategorie; es ist eine Selbstbezeichnung von Frauen, die in einem gemeinsamen Erfahrungszusammenhang von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit begründet ist. Infrage gestellt wird dabei die eine Frauenbewegung, die von weißen, vielfach akademisch gebildeten Mittelschichtsfrauen dominiert wird. Während der Schwarze Feminismus aus dem Kontext der sozialen Bewegungen entstand, entwickelte sich der postkoloniale Feminismus aus der Auseinandersetzung mit dem europäischen Kolonialismus. Die Kritik beider Ansätze ist, dass sich ein weißer Feminismus immer wieder reproduziere und sich den Fragen und der Kritik Schwarzer Frauen verschließe. Dabei geht es um die Sichtbarmachung des Subalternen in der Geschichte, die Analyse der Stereotypisierung Schwarzer Frauen und die Funktionsweise und Wirkung von Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen. Bergold-Caldwell zog daraus den Schluss, dass es Schwarze Räume als Empowerment-Räume für Schwarze (Frauen) und Weiße Räume zur Bewusstseinsschaffung für eigene Rassismen unter Weißen (Frauen) brauche. Dem Einwand aus dem Publikum, dass auch die Schwarzen Männer patriarchal seien und sich deshalb Schwarze Frauen nicht mit ihnen verbünden könnten, entgegnete sie, dass sehr genau geschaut werden müsse, wo und wie Schwarze Männer patriarchal agierten, da auch ihre Männlichkeit durch hegemoniale Männlichkeitskonzepte marginalisiert sei. Daneben wünschte sie sich aber durchaus auch gemeinsame Räume von weißen und Schwarzen Frauen. Darin sollten sie der Frage nachgehen, was Leben ist und welches Leben schützenswert ist. Über diese Frage sieht sie neue Möglichkeiten der Frauensolidarität.

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Birgit Erbe moderiert den Fishbowl

Auch Nadine Lantzsch, freie Autorin und politische Aktivistin, knüpfte an die Kritik der Begrenztheit universaler (= weißer) Perspektiven (im Feminismus) an. In ihrem Vortrag zeigte sie einen Ausschnitt des antirassistischen, feministischen Aktivismus’ in Deutschland. Als Beispiel wählte sie Hochschulen als Orte der Wissensgenerierung und -vermittlung. So schlossen sich beispielsweise feministische Migrantinnen aus Frankfurt zusammen und veröffentlichen 1994 einen Artikel, „Wir, die Seiltänzerinnen“, in dem sie die Marginalisierung von Migrant_innen und Schwarzen Menschen an den Hochschulen anprangerten. 20 Jahre später kommt die Neurowissenschaftlerin Emily Ngubia Kuria in ihrem Buch „Eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen“ zu ähnlichen Erkenntnissen. Die vielen Interventionen von Studierenden in den rassistischen Normalzustand deutscher Hochschulen verliefen ihr zufolge zwar spektakulär, doch blieben sie ohne Folgen. Um hier Veränderungen zu erreichen, bräuchte es vor allem weiße Personen in statushohen Entscheidungspositionen. Neben Organisationen und Zusammenschlüssen von Schwarzen Frauen stellte Lantzsch auch beispielhaft Aktivistinnen, wie Jamie Schearer, Nadia Shehadeh und Sabine Mohamed, und Künstlerinnen, wie Salma Arzouni, Moona Moon und Sharon Dodua Otoo, vor.

Die anschließende Diskussion war ausgesprochen kontrovers und zeigte, wie stark auch bei den Tagungsteilnehmer_innen hierarchische Machtstrukturen internalisiert sind. Davon zeugten Kommentare darüber, dass die vorgetragenen Erfahrungen aus der eigenen Praxis nicht bestätigt werden könnten. Dabei wurde nicht reflektiert, dass diese Aussagen aus einer Machtposition heraus getroffen werden und dass es zunächst einmal darum geht, zuzuhören und die Erfahrungen Schwarzer Frauen nicht in Zweifel zu ziehen. Erst auf der Basis der gegenseitigen Anerkennung ist ein Dialog möglich. Dieser wurde dann im Fishbowl geübt, bei dem ein zentrales Ergebnis war, nicht zu moralisieren, wenn es um Rassismus geht, eigene Rassismen zu reflektieren und andere Standpunkte gelten zu lassen. Diskutiert wurde im Rahmen des Fishbowls auch, wie antirassistischer Feminismus im Alltag aussehen kann.

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Prof. Dr. Tanja Thomas

Zur Wirkmächtigkeit von Körpern und (queer-)feministischer Pornographie

Den Abschluss bildete das Panel zu subversiven Körpern. Prof. Dr. Tanja Thomas von der Universität Tübingen referierte über den Zusammenhang nackter Körper, Protest und Medien. Der Fokus lag dabei auf der Veränderung von (Be-)Deutungen im öffentlichen Diskurs und der Schwierigkeit, die Kontrolle über eigene politische Aussagen in vergeschlechtlichten und von nicht-reflektierter Heteronormativität durchzogenen medialen Diskursen zu erhalten. Die Bedeutung medialer Rahmung und die Funktion von „blankem Protest“ wurden hier in die zum Teil in der Öffentlichkeit als schwierig und irreführend wahrgenommenen Diskussionen um FEMEN eingebettet. Weiter vertieften ein Einblick in die Historie von FEMEN und die Nennung der wichtigsten Aktivistinnen und ihre jeweilige Motivation das Verständnis.

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Agnes Lang und Dr. Laura Méritt

Der Vortrag von Dr. Laura Méritt, Sexberaterin und Mediatorin aus Berlin, zu Sexpositivity und Queer Porn erörterte zunächst die Wurzeln dieser Bewegung als Ansatz in der zweiten Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Entstanden in den USA, wurde darauf reagiert, dass kommerzielle Pornographie (bis heute) als diskriminierend und frauenfeindlich empfunden werde. In dem Bemühen, zensurfreie und positive Ausdrücke weiblicher und/oder queerer Sexualität sichtbar zu machen, entstand eine in sich sehr vielfältige Bewegung, die sich auf folgende gemeinsame Grundprinzipien berufen kann: die Notwendigkeit einer umfassenden und sensibilisierten sexuellen Bildung, wie etwa keine Zensur und freies Informationsrecht; die Anerkennung von Sexualität als menschlichem Grundbedürfnis; das Bemühen hinsichtlich der Schaffung von Räumen, die sich jenseits eines heteronormativen Blickes bewegen und in denen die unterschiedlichsten Bedürfnisse sichtbar gemacht werden dürfen.

Die eine Frauenbewegung gibt es nicht – solidarische Praxen sind eine Notwendigkeit

Die Themenvielfalt und die engagierten Publikumsdiskussionen zeigten die Lebendigkeit der Feminist_innen heute. Deutlich wurde, dass es die eine Bewegung nicht gibt und wohl auch nicht geben kann, dass aber Bündnisse und eine gelebte solidarische Praxis dringend notwendig sind. Die FAM-Jubiläumstagung sollte Rückblick und Ausblick zugleich sein und verfolgte mit der Dichte an Themen ein ehrgeiziges Programm, was durch die ausgesprochen qualifizierten Referent_innen und aufmerksamen Tagungsteilnehmer_innen sehr gut eingelöst wurde.

(von Birgit Erbe, Nina Reggi, Agnes Lang)

 

Veranstalterin: FAM - Frauenakademie München e.V., Baaderstr. 3, 80469 München

Konzeption und Organisation: Marion Chenevas, Birgit Erbe, Dr. Stephanie Handschuh-Heiß, Agnes Lang, Dr. Andrea Rothe, Sabrina Schmitt

Kooperationspartner_innen:

 pterakellystiftung k  Regenbogenstiftung k  bundeszentrale k
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